Kilimanjaro - ein Reisebericht

Kilimanjaro

16.8.2005 – Kilimanjaro – Uhurhu Peak, Gipfeltag

Das Frühstück ist um 23:15 angesetzt, im großen und ganzen gibt es diesmal Tee und Porridge (auf die sonst üblichen Eier und Würstchen hätte auch kaum jemand Lust gehabt, selbst die Toasts finden nur wenige Abnehmer). Wenige Minuten nach Mitternacht brechen wir, als erste Gruppe des heutigen Tages, zm Gipfel auf. Die Nacht ist sternenklar, und bis 3:00 scheint auch der zunehmende Mond hell vom Himmel, so daß wir die Umrisse der Felsen und Gletscher um uns herum gut erkennen können. Die Temperatur liegt zu Beginn der Etappe bei run -5 Grad, sinkt aber im Verlauf des Anstiges durch zunehmende Höhe und die Nachtabkühlung noch einmal deutlich.

800 Meter Höhendifferenz sind vom Arrows Glacier Camp bis zum Kraterrand des Kilimanjaro zu überwinden – das ist an sich gar nicht so viel, aber in dieser Höhe und bedingt durch die Finsternis benötigen wir für diese Durchquerung der Western Breach Wall gute 6 Stunden. Der Aufstieg beginnt recht steil, aber harmlos mit mehreren engen Serpentinen auf einer Schotterhalde, wird nach oben hin aber zunehmend schwieriger. Zuerst tauchen vereinzelte Felspassagen auf, die überwunden werden müssen, später dann immer mehr. Gelegentlich ist der Einsatz der Hände auch für die bergerfahrenen Teilnehmer unserer Gruppe notwendig. Das Gelände ist sehr steil, oft würde ein Fehltritt zum Absturz führen (wobei der Weg immer ausreichende Breite aufweist, nur durch Kälte, Dunkelheit und Müdigkeit könnten hier gefährliche Situationen entstehen).

Langsam und stetig arbeiten wir uns voran, die zunehmende Höhe ist vor allem an der steigenden Atemfrequenz bemerkbar. Der Weg scheint kein Ende zu nehmen, nur in großen Abständen werden vom Bergführer erfolgreich zurückgelegte 100 Meter Höhendifferenz bekanntgegeben, und ein Blick nach oben zeigt die Western Breach Wall hoch über uns schemenhaft im Dunkel. Erst nach sechs Uhr morgens, es dämmert am Horizont bereits leicht, erreichen wir den Kraterrand. Wie vorhergesagt, übergeben sich viele Teilnehmer unserer Gruppe – eine Folge der großen Höhe von rund 5.700 Meter gepaart mit der Anstrengung der vergangenen Stunden.

Wir sind froh, den Kraterrand erreicht zu haben, das Gelände ist hier absolut eben, die Sonne steigt langsam aus dem Dunst am Horizont empor, entsprechend hebt sich auch unsere Stimmung wieder. Doch wir haben hier nicht viel Zeit, warten nicht einmal den Sonnenaufgang ab, sondern steigen weiter, die letzten 200 Meter Höhendifferenz zum Gipfel empor. Selbst diese geringe Etappe wird hier schon zum echten Problem: mehr als eine Stunde Gehzeit und gegen Ende die totale Erschöpfung. Trotzdem fällt mir dieses letzte Stück deutlich einfacher, als die Nachtetappe, weil ich nun das Ziel schon vor Augen habe. Wieder scheinen wir eine Ewigkeit unterwegs zu sein, aber irgendwann hat auch dieser Aufstieg ein Ende, wir stehen auf einer Kuppe aus feiner, schwarzer Asche und schaffen alle die letzten Meter bis zum Gipfel, den wir um 7:45 erreichen. Dort löst sich die Spannung der vergangenen Stunden vollständig, wir fallen einander gegenseitig in die Arme, schütteln Hände und gratulieren reihum. Gipfelfotos werden gemacht, die Anstrengungen sind vorerst vergessen.

Im Unterschied zum Mount Meru ist es am Gipfel des Kilimanjaro diesmal leider sehr kalt und windig (andere Gruppen berichteten von deutlich angenehmerem Wetter), so daß nach nicht einmal einer halben Stunde den meisten die Lust vergeht, noch länger zu bleiben. Das ist schade, denn die Landschaft ist spektakulär – ich würde noch gerne nach Herzenslust fotografieren, friere aber selbst sehr stark und bin daher nicht richtig motiviert, somit auch bei den ersten, die wieder in Richtung Tal aufbrechen.

Der Abstieg zum Millennium-Camp gestaltet sich recht lang und unattraktiv. Letzteres ist teilweise durch das Terrain (viele lange Schotterhalden sind zu überwinden) und teilweise durch das Wetter (zunächst sehr windig, dann auch noch zunehmend einfallender Nebel) bedingt. Schade, denn so können wir den Vorteil unterschiedlicher Auf- und Abstiegsrouten gar nicht wahrhaben, wir bekommen von der Landschaft um uns herum so gut wie nichts mit. Durch den frühen Aufbruch vom Gipfel sind wir bereits um 13:00 im Lager (was immer noch 12 Stunden reine Gehzeit bedeutet), viele von uns verkriechen sich gleich einmal im Schlafsack, nur wenige erscheinen zum nachmittäglichen Tee.

Der Rest des Tages ist dann fast Routine: um 18:30 gibt es Abendessen, danach wird noch kurz geplaudert, anschließend ist Nachtruhe. Von der Euphorie des Gipfelsieges ist an diesem Abend relativ wenig zu bemerken, wir sind zu müde, außerdem ist es draußen wieder sehr kalt und, bedingt durch den Nebel, auch relativ feucht.